Immer mehr Unternehmen und Branchen haben echte Probleme, gutes oder überhaupt Personal zu finden. Aktuell sehen wir Schlangen von hunderten Metern an Flughäfen, geschlossene Gastronomiebetriebe oder solche mit stark eingeschränktem Service und Fachkräftemangel allerorten. Was ist da los?
Zugleich sehen wir steigende Krankheitsquoten, ganz besonders im psychischen Bereich und auch eine so genannte „Great Resignation“, was eine Kündigungswelle von Beschäftigten in der jüngeren Vergangenheit bedeutet. Was ist da los?
Einige Unternehmen oder auch Arbeitgeberverbände denken laut über Arbeitszeitverlängerungen nach, um ihre Auftragsbücher abgearbeitet zu bekommen, andere, auch große Player, würden ihre Beschäftigten während der Energiekrise am liebsten zu Homeoffice verdonnern, um ihre Energiekosten zu Lasten der Beschäftigten zu senken. Was ist da los?
Aldi Süd, Gorillas, FraBus, Siebenhaar und viele mehr: Immer wieder kann man davon lesen, dass – Entschuldigung - durchgeknallte Geschäftsführer oder Führungskräfte aktiv versuchen, Betriebsratswahlen zu be- und verhindern. Anderenorts werden Betriebsräte und Wahlvorstände drangsaliert und mit dem Fortfall ihres Arbeitsplatzes bedroht. Was ist da los?
Mangelnde Wertschätzung und ihre Folgen – DAS ist da los! Und es wird Zeit, dass wir Betriebsräte und Gewerkschafter den Arbeitgebern klar machen, dass ohne eine partnerschaftliche und arbeitnehmerorientierte Zusammenarbeit ihre Zeit im Management und die ihrer Unternehmen bald abgelaufen ist!
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Der Arbeitsmarkt wandelt sich. Wo es früher noch hieß: Wem es hier nicht gefällt, der kann gern gehen, es gibt genug, die den Job mit Kusshand nehmen, sind vielfach die Verhältnisse heute andere. Nicht etwa die Beschäftigten sind durch Digitalisierung und Mobile Work austauschbarer geworden, sondern die Arbeitgeber!
Und wenn sich Beschäftigte heute mehr als zuvor den Arbeitgeber aussuchen können, gilt das natürlich nicht nur für diejenigen, die derzeit keinen Job haben, sondern auch für diejenigen, die aktuell in Lohn und Brot stehen.
Dafür gibt’s einen neuen Fachbegriff, natürlich in englischer Sprache: The Great Resignation. Das ist die Bezeichnung, die sich seit Corona hinter der hohen Wechselbereitschaft unter Arbeitnehmenden verfestigt hat. Gemeint ist, dass immer mehr Menschen ihren Job sowie ihr Verhältnis zum Arbeitgebenden infrage stellen und resigniert über eine Kündigung nachdenken. Bislang hat dieser Trend vor allem in den USA zugeschlagen. In Deutschland sei der Arbeitsmarkt nicht zu vergleichen, hieß es von Expertinnen und Experten. Der Gallup Engagement Index schlägt jetzt jedoch Alarm. Erstmals in der jährlich stattfindenden Erhebung ist die Wechselbereitschaft in Deutschland sogar höher als in den USA. Das Ergebnis dieser Veränderung kann gerade live unter anderem auf Deutschlands Flughäfen bestaunt werden.
Die Ergebnisse rütteln auf: Satte 23 Prozent der Deutschen möchten binnen eines Jahres nicht mehr bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber tätig sein, 42 Prozent wollen den Absprung innerhalb der nächsten drei Jahren wagen. Noch nie waren so viele Menschen auf Jobsuche oder offen für Veränderung wie jetzt. Diese veränderte Realität ist bei vielen Firmenlenkern noch gar nicht angekommen.
In einer Pressemitteilung von Gallup heißt es bewertend. „Unternehmen müssen sich mehr denn je darum bemühen, ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Bleiben bewegt und qualifizierte Jobsuchende dazu motiviert, sich für sie zu entscheiden.“ Mit einer hohen emotionalen Bindung sinke die Wechselbereitschaft. Sie wirke wie „ein Booster für den aktuellen Arbeitgeber.“
Laut den Expertinnen und Experten seien aktuell nur 17 Prozent der Beschäftigten laut dem Gallup Engagement Index überhaupt emotional am Arbeitgebenden gebunden. Dass sie einen immensen Einfluss auf die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen hat, zeigt sich vor allem an einem höheren Qualitätsbewusstsein bei der Aufgabenerledigung und geringeren Fehlzeiten. Die durch innere Kündigung bedingten volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund derartiger Produktivitätseinbußen belaufen sich jährlich auf 92,9 bis 115,1 Milliarden Euro, ermittelt 2021 das Statistische Bundesamt. Laut Gallup habe jede beziehungsweise jeder Fünfte innerlich bereits gekündigt.
Das ist dramatisch und belegt, dass wir nicht etwa am Ende einer Entwicklung mit Personalengpässen sind, sondern noch am Anfang. Wer könnte sich nicht daran erinnern, als durch die Corona-Pandemie auf einmal der Pflegenotstand offen zutage trat? Und wie froh und dankbar alle dafür waren, dass niedrig bezahlte und oft schon seit Jahren unter schlechter Bezahlung, mangelnder Wertschätzung und unzureichenden Arbeitsbedingungen leidende Kolleginnen und Kollegen etwa sich weiterhin hinter die Supermarktkassen und als Pflegekräfte in die Krankenhäuser zur Arbeit begeben haben, allen persönlichen Gesundheitsrisiken zum Trotz.
Gestern noch haben alle geklatscht für die Pflegekräfte, die "Krankenschwestern" und die Kassiererinnen und Kassierer in den Supermärkten. Aber Klatschen reicht nicht, es müssen bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen her und eine echte Wertschätzung der Arbeitgeber und der Öffentlichkeit für viele Berufe.
Hat sich denn, allen Beteuerungen zum Trotz, für diese Personen- und Berufsgruppen die Situation grundlegend gebessert? Erfahren die jetzt, geläutert aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie, von ihren Arbeitgebern mehr Wertschätzung, eine bessere Bezahlung und Arbeiten unter besseren Arbeits- und Arbeitszeitbedingungen? Oder produzieren wir als Gesellschaft gerade mit unserer Ignoranz (nach kurzfristiger gesteigerter Aufmerksamkeit, als es "brannte") die nächsten Bereiche mit Personalmangel? Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln schildert, dass auf 100 offene Stellen in der Pflege nur 24 arbeitssuchende Pflegende kommen, in der Altenpflege sind es gar nur 15 auf 100 offene Stellen.
Heinz Rothgang, Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am Socium Forschungszentrum der Universität Bremen weiß: „Der Beruf der Pflegekräfte ist zunehmend unattraktiv geworden. Viele sind mit den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung unzufrieden.“ 2/3 der Pflegenden in Deutschland fühlen sich laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung ungerecht bezahlt. Aha!
Das führt nicht nur dazu, dass sich immer weniger junge Menschen dazu entscheiden, diese Berufslaufbahn einzuschlagen, nein: Auch in der Pflege tätige Kolleginnen und Kollegen legen sich vermehrt die Karten, ob das Leben im Allgemeinen und das Berufsleben im Speziellen für sie nicht mehr bereithält, als zu schlechten Arbeits- und Einkommensbedingungen sich die Gesundheit zu ruinieren.
In einigen Branchen entstehen diesbezügliche Teufelskreise: Schlechte Arbeitsbedingungen und Einkommen führen zu Kündigungen und die wiederum vor dem Hintergrund fehlender Interessente für die offenen Stellen zu Überstunden und Arbeitsverdichtungen, mithin also zu noch schlechteren Arbeitsbedingungen für die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen, die sich nun ihrerseits überlegen, ob ein Jobwechsel nicht ein verfolgenswerter Gedanke ist.
Rothgang benennt die diesbezügliche Realität: Derzeit fehlen in Pflegeheimen bereits jetzt 119.000 Vollzeitpflegekräfte, bis 2030 werden es rund 186.000 sein.
Ein Schritt in die richtige Richtung, für die Pflege und auch alle anderen Bereiche, in denen infolge unzureichender Wertschätzung, Arbeits- und Einkommensbedingungen das Personal knapp geworden ist und in Zukunft knapp werden wird, ist der Schritt in die Tarifbindung und dann das Aushandeln vernünftiger, guter und wertschätzender Arbeits- und Einkommensbedingungen für die Beschäftigten.
Dazu gibt es meiner Auffassung nach keine Alternative. Da wurde in vielen Bereichen über viele Jahre auf dem Rücken der Beschäftigten, gespart, herumoptimiert, privatisiert und abkassiert. Eine deutliche Anhebung der Bezüge in diesen Berufen würde natürlich und selbstverständlich bedeuten, dass Dumpingpreise nicht mehr darstellbar sind. Geiz ist geil war gestern. Denn die Kehrseite hiervon ist nahezu immer das Sparen an den Arbeitskräften. Und das kann nicht mehr hingenommen werden. Sich jetzt, mit dem 20 Euro Ticket für den Flug in der Tasche, über die langen Schlangen an den Flughäfen zu ereifern, ist dann vielleicht auch zu kurz gesprungen.
Bei dem Thema der besseren Arbeitsbedingungen kommen auch die Betriebsräte immer stärker ins Spiel. Das wird jetzt manchem Unternehmer nicht gefallen, aber: Behandelt Eure Betriebsräte vorbildlich und hört ihnen zu, nur dann habt Ihr im sich wandelnden Arbeitsmarkt als Arbeitgeber eine Chance! Die Zeiten von Shareholder Value, fehlender Tarifbindung, permanenter Kostensenkungsprogramme und dumping-Einkommensentwicklungen sind in vielen Bereichen vorbei oder bald vorbei.
Betriebsräte sind die Torwächter für eine soziale und partnerschaftliche Unternehmenskultur, die für attraktive und zukunftssichere Arbeitsplätze die nötige Grundlage bietet. Und nicht wie einst: Unsere Beschäftigten sind vor allem zu viel und zu teuer. Denn genau andersrum ists vielerorts, und das wird mehr.
Es ist also sinnvoll und unternehmerisch weitblickend, wenn man mit dem Betriebsrat Verhandlungen darüber aufnimmt, wie man an Attraktivität für die Beschäftigten zulegen kann. Dazu gehören natürlich attraktive Einkommen und sichere Arbeitsplätze, aber auch flexible Arbeitszeit- und ortkonzepte, Sozialleistungen, ein beschäftigtenorientierter Marktauftritt und nicht zuletzt ein erkennbarer Schulterschluss mit dem Betriebs- oder Personalrat und natürlich den weiteren Arbeitnehmervertretungen wie der SBV und der JAV oder auch die Investition in Nachwuchs und Weiterbildung.
Auch den Betriebsräten empfehle ich dringend, sich voller Selbstbewusstsein proaktiv und mit konkreten Forderungen in Verhandlungen mit den Arbeitgebern zu begeben. Das sind letztendlich – bei allem Wettbewerbs- und Kostendruck – Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Denn wenn Dir irgendwann die Leute ausgehen, die die Arbeit machen, dann gerät alles in Schieflage. Das kann man grad gut in einigen Bereichen beobachten.
Wie man solche Verhandlungen vorbereitet und aufgleist, dabei berate ich Euch gern. Bucht mich doch mal gern für einen Workshop, wo wir mit einer Bestandsaufnahme in Sachen Kultur und Attraktivität des Arbeitgebers und einer diesbezüglichen Zielbeschreibung darüber beratschlagen und einen Plan festlegen, wie wir zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Eurem Betrieb kommen. Ich freu mich drauf!
Die Schlüssel für ein gesellschaftliches Vorankommen sind aus meiner Sicht Solidarität und Wertschätzung. Das sind keine überkommenen Begriffe aus dem vergangenen Jahrtausend, sondern unverzichtbare Fundamente für den sozialen Frieden hierzulande! Jetzt und heute! Aber dafür muss man etwas tun, von nichts kommt nichts.
Bis zum nächsten Mal. Tschüss aus Hamburg!




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