Als ich vor dem Weihnachtsfest einmal in LinkedIn die Frage gepostet habe, welche „guten Vorsätze“ Ihr Euch für die Arbeit im Betriebsrat vornehmen wollt, war ich doch überrascht von der Resonanz: Die ersten Reaktionen, auch direkt im Beitrag, gingen in die Richtung, gute Vorsätze brauche man nicht oder auch, man wolle weiterhin sein Bestes geben.
Erst so nach und nach kamen dann wirkliche echte Punkte auf, was man sich für 2023 als Betriebsrat, JAV oder SBV vornehmen könnte oder auch möchte. Da war eine Menge Interessantes bei, das mir schon wieder Futter für viele Folgen gibt, vielen Dank also an Euch für die Beteiligung an dieser Diskussion!
Es ist zu erkennen, dass die allermeisten Betriebsräte Ihr Bestes geben und dennoch teils größte Schwierigkeiten haben, der Unmenge an Themen, Aufgaben und Verantwortungen gerecht zu werden, ihre Prozesse im Griff zu behalten, ihre Leute optimal einzusetzen und bei der Stange zu halten, die verschiedenen Zielgruppen zu bedienen, ihre Tätigkeit mit der an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz in Übereinklang zu bringen, kenntnisreich Mitbestimmungsrechte durchzusetzen oder auch nur ein gutes Gefühl dafür zu entwickeln, den vielfältigen Anforderungen gut gerecht zu werden. Grund genug für mich, diesem speziellen Thema eine eigene Folge zu widmen.
Ob es Zeit-, Kenntnis-, Ressourcenmangel, unzureichendes Agendasetting bzw. unzureichendes Themenmanagement, mangelndes Zutrauen oder fehlende Konfliktbereitschaft bzw. Erfahrung mit Konflikten ist oder gelegentlich auch eine Motivationsdelle: Jeder Betriebsrat, auch der beste und professionellste, kann sich verbessern!
Das gilt in Fragen der internen Zusammenarbeit und dem optimalen Einsatz der knappen Ressourcen, es gilt im Zusammenwirken der unterschiedlichen Ebenen der Betriebsverfassung, also etwa mit dem Gesamtbetriebsrat, dem Wirtschaftsausschuss, der JAV und darüber hinaus mit der SBV und nicht zuletzt auch den Gewerkschaften. Es gilt für Verhandlungen und die weitere Interaktion mit dem Arbeitgeber, für die Kommunikation mit den Beschäftigten bis hin zur Frage, welche Themen vielleicht unglücklicherweise zu kurz gekommen sind und welche kurz- und mittelfristigen Ziele der Betriebsrat überhaupt erreichen will.
Und damit Hallo liebe Kolleginnen und Kollegen, schön, dass Ihr da seid zu einer neuen Folge von 360 Grad BR! Gleich im Jahr 2023 will ich voll durchstarten, und das mache ich mit einer meiner liebsten Herangehensweisen: Den Stier bei den Hörnern packen, also nicht lange drumherum zu reden, sondern direkt die Themen zu benennen.
Natürlich und richtigerweise gehört an die allererste Stelle ein großes Dankeschön an alle hier, die als Interessenvertreterin oder Interessenvertreter auch im letzten Jahr wieder einmal die Knochen für die Kolleginnen und Kollegen hingehalten haben, um als Betriebsrat, JAV oder SBV etwas zu erreichen! Ihr nehmt ein Ehrenamt war, und es ist wirklich ehrenvoll und erfährt leider nicht allzu oft die angemessene Wertschätzung! Ihr seid betriebliche Verbesserer, Aufpasser, Gestalter, in bestem Falle Co-Manager und vieles mehr und tragt zu besseren Arbeits- und Einkommensbedingungen bei und zum Sozialen Frieden hierzulande! Allein darüber ließe sich eine eigene Folge produzieren, und ich würde mich freuen, wenn ich den ein oder anderen von Euch in diesem Jahr erneut für ein Interview zu seinem oder ihrem Blick auf die Tätigkeit als Betriebsrat gewinnen könnte! Nun aber zurück zu den Defiziten.
Denn die gibt es, sorry, überall. Das muss weder etwas mit mangelnder Professionalität, fehlenden Engagement und guten Willen oder ähnlichem zu tun haben, sondern kann ebenso in äußeren Umständen begründet liegen. Und ganz sicher ist es auch für jeden Betriebsrat die Frage, welchen Themen widmet man sich in welcher Intensität, wohin lenkt man seine Aufmerksamkeit und seine knappen Ressourcen. Und gerade dann, wenn Zeit ein knappes Gut für Betriebsräte ist, gilt es, solche Entscheidungen überlegt und zielgerichtet zu treffen.
Warum Zeit für viele Betriebsräte ein knappes Gut ist, habe ich in verschiedenen Folgen bereits beleuchtet. Mein erster Ratschlag also für 2023 lautet:
Verschafft Euch Zeit, sortiert Eure Ressourcen. Das Ressourcen-Thema ist eine Achillesferse der meisten Betriebsräte. Ich will ganz ehrlich sein: Auch ich habe in meiner Betriebsratszeit immer wieder an dieser Themenstellung herumoptimiert, das ist ein ständiger Prozess. Und bevor man als Betriebsrat darüber nachdenkt, wie man zusätzliche Ressourcen bekommt, sollte der erste Schritt sein, erst einmal das zu aktivieren, was man hat.
Konkret also: Habt Ihr Eure 38er Freistellungen ausgeschöpft, gibt es eine klare Aufgabensteuerung und -verteilung innerhalb dieses Kreises? Ist der Betriebsausschuss, so Euer Betriebsrat groß genug für einen solchen ist, effizient aufgegleist? Wie ist es mit den ordentlichen Betriebsratsmitgliedern? Ist bei denen dafür gesorgt, dass sie den Rücken frei haben, um sich am Arbeitsplatz entfernen zu können, um Betriebsratsarbeit nachzugehen? Sind da einzelne bei, denen es an Aktivität mangelt und woran könnte das liegen? Wie können Ersatzmitglieder aktiviert und in die BR-Arbeit einbezogen werden? Insgesamt empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit die Erwartungen untereinander und die unterschiedlichen Rollen der Beteiligten strukturiert zu besprechen. Das ist ein Punkt, der im Tagesgeschäft entweder gar nicht geschieht, nur in Konfliktfällen hochkommt oder am schlimmsten, in kleinen Grüppchen unterschiedlich diskutiert wird, was Missstimmung und Effizienzverluste mit sich bringt. In meinen Workshop gehe ich auf diesen Punkt stets ein, um da ein einheitliches Bewusstsein für herzustellen.
Weiter: Sind wir als Betriebsrat personell im Backoffice gut aufgestellt, also etwa hinsichtlich Protokollwesen, Themenmanagement, Bürotätigkeiten usw.? Das personelle Screening Eurer BR-Tätigkeit ist wichtig, aber vielfach auch unangenehm. Es darf die Fragen, wer sich kümmert und ob das vielleicht immer die gleichen Wenigen sind, wer sich nicht kümmert und wie man das ändern kann, nicht ausklammern. Es sollte darüber hinaus auch zum Inhalt haben, wo bei wem welche Interessen und Talente liegen, zeitliche Reserven und solchen in der Bereitschaft, sich einzubringen.
Wenn man bei der Ressourcenanalyse die bereits vorhandenen betrachtet hat, sollte sich der Blick auf all das richten, was darüber hinaus noch möglich ist. Und da gibt es sehr viel: Ist das Potential an 37er Freistellungen schon ausgeschöpft? Vielfach scheint man der Meinung zu sein, das betriebsrätliche Tagesgeschäft ist ausschließlich Sache der 38er Freigestellten, dabei ist das gar nicht so. Habe ich, etwa für den Wirtschaftsausschuss oder für einzelne betriebsrätliche Themen, Kolleginnen oder Kollegen aus der zweiten Reihe, die ich zusätzlich mobilisieren kann? Habe ich als Betriebsrat vielleicht einen nicht aktivierten Anspruch auf Büropersonal? Kann ich Betriebsratsmitglieder spezialisieren, etwa durch Seminare oder Netzwerke, um Themen abzudecken? Kann ich bestehende Kontakte intensivieren, etwa zur JAV, SBV, den Gewerkschaften, dem Gesamtbetriebsrat, dem Wirtschaftsausschuss, dem Arbeitgeber, und auf diese Weise Stärke gewinnen? Gerade aus den Reihen der SBVen habe ich eine Reihe von Rückmeldungen bekommen, dass sich hier eine bessere Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat sehr gewünscht wird. Dazu will ich demnächst auch noch mal eine Podcast Folge machen. Weiter: Kann ich externe Sachverständige hinzuziehen, um spezifische Themenstellungen anzugehen, bei Großprojekten interne Komplexitäten zu reduzieren oder auch mit deren Unterstützung meine Strukturen zu optimieren? Bei dieser Ressourcenanalyse und den sich daraus ableitenden Maßnahmen würde ich Euch gern unterstützen.
Ein zweites wichtiges Thema ist aus meiner Sicht die Umfeldanalyse, und zwar in alle Richtungen. Das sollte man nach Priorität sortieren: Beschäftigte – Arbeitgeber – Gremien usw. Wie agiert Ihr welchem Adressaten gegenüber? Welche Stärken habt Ihr dabei und spielt Ihr die ausreichend aus? Welche Mängel werden gesehen und worin sind die begründet? Wie kann man aufgabenteiliger oder inhaltlich zielgerichteter vorgehen, um die unterschiedlichen Adressaten optimaler zu bespielen? Diese Umfeldanalyse ist nicht selten komplex, aber sehr wichtig. Dabei würde ich Euch gern unterstützen!
Natürlich sind als Drittes die Inhalte zu benennen: Haben wir alle Themen überhaupt strukturiert auf dem Schirm, oder fällt uns gelegentlich auch etwas unbeachtet „hinten runter“? Gibt es eine klare Priorisierung und eine themenbezogenen Zeit-, Aktivitäten- und Ressourcenplanung? Haben wir überhaupt ein Themenmanagement und -controlling, sind wir flexibel genug aufgestellt, um neue Themen strukturell aufzufangen? Das würde ich gern mit Euch sortieren, strukturieren und einem nutzenstiftenden Prozess zuführen.
Von der Diskussion über Inhalte ist es nicht weit zum strategischen Agendasetting. Und da sollte nicht nur eine Rolle spielen, welche Themen auf Euch zukommen, sondern welche Themen Ihr selbst nach vorne bringen wollt. Ich höre oft, entweder vor der Wahl oder von frisch gewählten neuen Betriebsräten, „ich will mich ganz besonders um dieses oder jenes Thema kümmern“, und dann? Dann ist es meist so, dass man erstmal in die bestehenden Abläufe eingekämmt wird und nicht selten verliert sich das dann irgendwie. Dabei ist es sehr wichtig, als Betriebsrat mit dem Arbeitgeber auch von Euch aus den strategischen Dialog zu suchen. Etwa in bedeutenden Fragen wie der Attraktivität als Arbeitgeber in Zeiten von Fachkräfte- und Arbeitskräftemangels, einer Strategie für die Nachwuchsgewinnung und -Förderung, der gezielten Förderung von Frauen in Führung, der Integration schwerbehinderter Kolleginnen und Kollegen oder auch der immer wichtiger werdenden Gestaltung von Transformationsprozessen, etwa in Zusammenhang mit der Digitalisierung, veränderter Aufgaben, einer älter werdenden Belegschaft oder auch eines sich teils rasant verändernden Marktumfelds. Es ist nicht richtig, solche Fragen nur dem Management zu überlassen und darauf zu warten, wann was und wie es kommt. Bei einem solchen Agendasetting würde ich Euch gern unterstützen.
Ein vierter „guter Vorsatz“ könnte sein, schlicht und einfach die gesetzlichen Möglichkeiten weiter als bislang auszuschöpfen. Machen wir in jedem Quartal eine Betriebsversammlung? Wenn nein, wie kommen wir dahin, das ist ja immerhin eine Rechtspflicht des Betriebsrats. Welche Hemmnisse gibt es, wie könnten die angegangen werden?
Wie ist es mit dem Wirtschaftsausschuss, tagt der, wie vom Gesetz vorgesehen, monatlich? Und wenn nicht, wie kann ich dessen Arbeit professionalisieren und zu einer nutzenstiftenderen Tagungsfrequenz mit welchen Inhalten kommen?
Wie ist es mit den Mitbestimmungsrechten aus dem Gesetz, schöpfen wir die aus? Bestimmen wir mit bei den Fragen der Ordnung des Betriebes, bei der Technik und der Überwachung von Beschäftigten, bei der Urlaubsvergabe, bei der mobilen Arbeit, beim Arbeits- und Gesundheitsschutz, bei der Durchführung von Bildungsmaßnahmen und der Besetzung solcher mit eigenen Teilnehmern? Was davon ist uns eigentlich wichtig und was können wir tun, um zu Verbesserungen zu kommen?
Ein fünfter guter Vorsatz könnte, und wie ich finde: sollte sein, die einzelnen Betriebsratsmitglieder je nach Funktion und Aufgabe zielgerichtet zu unterstützen: Nicht jeder ist ein geborener Redner auf Betriebsversammlungen oder nicht jede eine geborene Betriebsratsvorsitzende, nicht jedem fällt es zu, Themen strukturiert voranzubringen, nicht jede und jeder ist mit allen betriebsverfassungsrechtlichen Wassern gewaschen, nicht für jeden ist das Management von Konflikten in den Schoß gelegt. Deshalb gehören Coachings von Betriebsratsvorsitzenden, Konfliktmanagement- und Rhetorikseminare und vieles mehr zu meinem Dienstleistungskatalog. Viel zu oft wird übersehen, dass die Frontleute des Betriebsrats in vielen Fragen viel zu allein sind, nicht nur inhaltlich. Aber gute Vorsitzende, gute Redner und gute Themenverantwortliche machen den Betriebsrat insgesamt besser, es lohnt sich, hierin massiv zu investieren!
Das Eliminieren von Zufälligkeiten, die Klärung von Verantwortlichkeiten, ein strukturiertes und priorisiertes Herangehen an Eure Themen, der ausgeweitete Einsatz Eurer knappen Ressourcen, die Qualifikation der Betriebsräte in der ersten, aber auch der zweiten Reihe, die verbesserte Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Kontakten und das ständige Wollen, es immer noch ein wenig besser zu machen, all dies erspart Euch Ungemach und verschafft Euch Erfolge als Betriebsrat. Und bei all diesen Dingen – helfe ich Euch!
Lasst uns vielleicht einmal darüber sprechen, ob wir nicht bei Euch im Betrieb, etwa mit dem Betriebsausschuss, eine Klausur durchführen, in dem wir diese Themen angehen und so Schritt für Schritt zu einer deutlichen Verbesserung kommen. Selbst dann, wenn schon Vieles sehr gut ist. Ich bin überzeugt davon, einen echten Mehrwert für Eure Betriebsratstätigkeit bieten zu können! Das meine ich nicht klugscheisserisch. Ich kenne die inneren und äußeren Zwänge und Unwägbarkeiten der Betriebsratsarbeit aus vielen Jahren eigener Betriebsratstätigkeit in den verschiedensten Funktionen. Und genau deshalb weiß ich, dass extern moderierte oder auch nur supportete Workshops und Klausuren einem immer weiterhelfen. Ich habe das zweimal jährlich gemacht, durch alle Gliedrungen, und wenn das auch ein zeitlicher Kraftakt ist, hilft es im Anschluss ungemein.
Insoweit steht mein Angebot: Macht Euch, etwas augenzwinkernd formuliert, „Gute Vorsätze“ und lasst uns gemeinsam erarbeiten, wie wir so etwas umgesetzt bekommen. Ich freue mich auf Eure Kontaktaufnahme! Einstweilen wünsche ich Euch einen guten Start in das Jahr 2023!
Bis zum nächsten Mal. Tschüss aus Hamburg!




Nutzungsbedingungen
Abonnieren
Report absenden
My comments