Marco Nörenberg: Vestas, Nordex, Enercon – die Windindustrie die Windkraftindustrie ist eine wesentliche Schlüsselindustrie für den Grünen Wandel hierzuladen in Deutschland was die Energie angeht und dazu gehört natürlich auch eine gute Ausstattung was Arbeits- und Einkommensbedingungen angeht, aber diese Industrie das war bislang nicht der Freund von Tarifbindung und auch nicht von partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit Betriebsräten. Die IG Metall ist angetreten, um das zu verändern und da gibt’s in dieser Woche einen spektakulären Durchbruch - ein Erfolg - zu vermelden, nämlich, eine Einigung im Tarifauseinandersetzung mit Vestas und dazu bin ich heute verabredet mit dem Leiter des IG Metall Bezirks Küste Daniel Friedrich und mit ihm möchte mich darüber unterhalten, wie sie das nun geschafft haben, diesen Block umzustoßen.
Marco Nörenberg: Und damit herzlich willkommen. Guten Morgen lieber Daniel, schön dass du dir Zeit genommen hast. Du strahlst richtig. Da ist was Großes passiert und erzähl uns doch mal, wie du das zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, wie die IG Metall das geschafft hat, nach 103 Tagen Streik, wie es heißt, wie man lesen kann, jetzt hier endlich zu einer Tarifreinigung zu kommen. Was ist da los gewesen?
Daniel Friedrich: Ja, vielen Dank auch für dein Interesse. Lass mich eine Sache noch davorschieben, weil du gerade jetzt zu der Tarifsituation in der Windkraftbranche ausgeholt hast. Wir müssen sagen, dass die Windkraft Hersteller, also die, die quasi auf den Mühlen draufstehen, das sind die, die in der Vergangenheit, genau wie du gesagt hast, nicht tarifgebunden sind, die auch beim Thema Mitbestimmung die jetzt mal so sich entwickeln mussten. Jetzt haben wir halt Betriebsräte. Wir haben aber zum Beispiel bei den Zulieferern oder auch bei den alten Industrieunternehmen, die sich da auf den Weg gemacht haben, da haben wir natürlich Mitbestimmung. Wenn wir an Länder in Nordrhein-Westfalen denken, das vergessen wir auch sowas. Die Zulieferer, die sind oft auch in anderen Bereichen unterwegs und machen Windkraft auch, aber da sind wir gut und jetzt hatten wir natürlich schon seit längerem Ansatz zu sagen, Leute das kann nicht sein, dass auch bei den Windkraftanlagenherstellern es keine Tarifbindung gibt, dass der Arbeitgeber alleine entscheidet und haben uns da auf den Weg gemacht und wir sind natürlich da in eine Problematik gekommen, weil Vestas, dass es ja schon ein Betriebsrat gab. Das es auch ein Miteinander gab, aber das es dort keine Gewerkschaftsarbeit in dem Sinne gab, dass man gesagt hat, wir regeln die Sachen per Tarifvertrag und das Unternehmen hat sich ja auch geweigert mit uns Tarifverhandlung zu führen. Sie wollten lieber mit dem Betriebsrat weiter die Sachen regeln und da wissen wir ja, dass das einmal rechtlich mehr eine Grauzone ist oder zumindest ja auch, wenn Kollegen und Kollegen den Anspruch durchsetzen wollen, Vereinbarung mit dem Betriebsrat in der Regel dann keine Bindung für den Beschäftigten haben und ich kann es nicht einklagen, aber trotzdem gab es in der Vergangenheit und da hat man sich lange geweigert überhaupt mit uns zu verhandeln. Wir haben dann 73 Tage streiken müssen, um überhaupt in den Verhandlungsprozess zu kommen. In den Verhandlungsprozess gab es dann Schwierigkeiten, nachdem man anfänglich sehr gut unterwegs war, weil die Zentrale aus Dänemark auf einmal sehr stark sich eingemischt hat und dann mussten leider wieder in den Streik gehen, aber jetzt haben wir ein Tarifergebnis und das konnten wir letzte Woche Freitag unterschreiben.
Marco Nörenberg: Wie muss man sich das vorstellen? Wir haben uns das letzte Mal hier auch auf diesem Kanal im Oktober miteinander unterhalten und da hattest du gesagt, wir sind jetzt bereit die Eskalation durchzuführen, wir werden die Belegschaften einbeziehen, um herauszubekommen, ob er da was zusammen auf die Reihe bekommen. So in etwa war da so deine Einschätzung und dann ging es ja los. Also im Grunde genommen, wenn du so lange streiken willst, dann brauchst du ja eigentlich eine geschlossene Belegschaft hinter dir, die auch dann bereit ist, da auch wirklich in Aktion einzutreten. Wie muss man sich 123 Tage Streik, wie muss man sich die Verhandlung dazu, dann vorstellen?
Daniel Friedrich: Ja, man muss das vielleicht auch noch mal sich vor Augen führen. Wir reden nicht über den Betrieb, also dieser Klassiker, den man dann in der Tagesschau sieht, dass dann irgendwie die Streikende ans Tor gehen, da eine dicke Kette nehmen und es dann sozusagen zu machen und dann stehen da irgendwie Hunderte vor dem Tor und dann kommt da der LKW und jetzt sagt man, „So, heute wird gestreikt. Kannst wieder nach Hause fahren.“ Das hast du bei Monteuren, und wir haben ja maßgeblich für den Monteursbereich gestreikt und was erreicht, - die sind verteilt über ganz Deutschland. Wir reden über Betriebstätten, da eine arbeiten 4, 5 maximal 10 Leute. Die sind auf den Mühlen, auf den Feldern, also wenn man die Autobahn von Hamburg nach Berlin fahren und links und rechts gucken [würdest], da arbeiten die Leute und deswegen war es gut, dass wir dezentral organisiert waren. Wir hatten Vertrauensleute, also gewerkschaftliche Vertrauensleute in vielen Bereichen, die auch ihre Kollegen direkt vor Ort angesprochen haben und wir haben den Streit auch digital geführt. Das heißt, es gab zweimal am Tag eine Streikversammlung, also für die die noch nicht im Streik waren, - normalerweise macht man das im Zelt; da gibt es dann die obligatorische Wurst und die Streikbeteiligung und besetzen natürlich da auch die Feuertonnen und so, wie man sich das eben da so in den Bildern so vorstellen. Das geht hier nicht und deswegen haben wir gesagt, um 9 Uhr und 14 Uhr gibt es Zoom Meetings, Teams ja heutzutage. Kolleginnen gehen da rein und die haben auch ihre Streikgelder über diese Zoom-Meetings, über diese Teams-Meetings bekommen, weil es gab dann in der Streikversammlung einen entsprechenden QR-Code. Den hat man dann abfotografiert und dann wurde der Streit Geld quasi sozusagen freigegeben. Also wir sind sehr digital geworden. Trotzdem hatten wir immer wieder auch mal Situationen, wo jetzt alle mal ins Auto, in den Bus, in den Zug kommt, zum Beispiel, sind wir einmal in die Zentrale nach Dänemark gefahren. Wir waren in Berlin; wir haben in Hamburg - also es gab auch immer wieder Momente, wo alle zusammengekommen sind und das bleibt aber, am Ende des Tages, ist die IG Metall nur stark, wenn sie starke Belegschaft hat. Also ich würde mir einbilden, dass wir ganz viele tolle Haupt- und ehrenamtliche Spitzenfunktionäre haben, die super verhandeln können, aber darum geht es oft. Es geht darum, dass der Arbeitgeber versteht, die Mannschaft steht dahinter und ich muss jetzt mit diesen Verhandlungspartnern auf der anderen Seite eine Lösung finden.
Marco Nörenberg: Ja was ihr da macht, ist ja in vielerlei Hinsicht eigentlich auch etwas, was extrem unter Beobachtung steht. Ich komme auch in den anderen Branchen rum und spreche mit Betriebsräten und ich bin ziemlich oft auf dieses Modell dieses digitalen Streiks angesprochen worden - mit dem QR-Code am Ende von diesen Online Präsenzversammlungen, was ja wirklich eine coole Idee ist; irgendwie muss man es ja operationalisieren. Das finde ich, es ist wirklich gelungen und auch dieses Thema langanhaltende Arbeitskämpfe in Bereichen, die bislang völlig tariflos sind, auch das ist ja etwas, wie soll ich sagen, auch in anderen Branchen versucht wird. Wir kennen ja beispielsweise auch die Auseinandersetzung mit dem weltweit größten Versandhändler hier, Amazon, wo es auch über ganz lange Zeit mit ganz viele Maßnahmen geht und wenn sowas dann nach über 100 Tagen gelingt, ist das ja auch beispielgebend. Also es ist ja ein Einstieg jetzt in tarifvertragliche Regelungen. Vielleicht kannst du kurz etwas dazu sagen. Was ist eigentlich so im wesentlichen Inhalt dieser tarifvertraglichen Regelung.
Daniel Friedrich: Also wir haben jetzt den Einstieg in die Tarifverträge gefunden. Das geht maßgeblich um das Thema Geld. Wir haben geguckt, okay was sind jetzt die Themen, die gerade unseren Monteurinnen und Monteurn auf die Nägel brennen oder, und da war es natürlich die Frage Entgelte. Da haben wir Schritte nach vorne gemacht - auch Inflationsausgleich Premium, was vorher, zum Beispiel, dass er gar nicht auf der Tagesordnung stand. Auch da konnten wir fast den gesamten Betrag in den Zeitraum - dieses und nächstes Jahr - sozusagen abholen. Wir haben vereinbart in ein neues Entgeltsystem einzusteigen, wo auch gerade die Kolleginnen davon profitieren, dass sie in der Regel nach oben sich entwickeln werden, was die Entgelte angeht. Wichtig ist auch, wir haben nach vorne raus verabredet, dass die Tariferhöhung der Metall- und Elektroindustrie dann angewendet werden. Auch da hat es - dass das in der Vergangenheit nicht immer die Tariferhöhung weitergegeben, oder gesagt, wir geben nur die Hälfte an alle - also wenn vier Prozent rausgekommen ist, dann wird gesagt, zum Beispiel, zwei Prozent kriegen alle und die anderen zwei Prozent verteilen wir selber nach welchen Kriterien auch immer - wieder jetzt keine Schärfe wieder reinbringen - aber da haben wir gesagt, das Geld - auf der anderen Seite haben gesagt, gut, wenn das wirklich finanziell in der Lage ,nicht in der Lage ist, das zu zahlen, dann können Sie das Anzeigen. Dann sind wir wieder in einem Verhandlungsprozess und wie sich der Standpunkt war auch für die Kolleginnen und Kollegen das Thema Altersteilzeit, weil wir müssen immer bedenken, das ist bei Wind und Wetter und das, was wir zwei jetzt machen, wir haben auch anstrengende Jobs – du bestimmt wesentlich härter als meiner – aber wir machen es nicht bei Wind und Wetter draußen, auch nicht irgendwie da auf 100 Meter und weiter hoch und da zu wissen, okay, wenn ich in gewisses Alter komme, habe ich schon auch die Möglichkeit über den flexiblen Altersausstieg. Das sind die Sachen, die fix sind. Wir haben Verhandlungsverpflichtungen und von daher wird jetzt nach der Urabstimmung, wenn das Ergebnis da ist, werden wir mal Kräfte sammeln; Kolleginnen soll sich ausruhen, aber das Thema Tarif ist nicht beendet, sondern da geht's erst richtig los.
Marco Nörenberg: Vielleicht dazu direkt eine Nachfrage. Du hast jetzt eben den Begriff Urabstimmung ins Spiel gebracht; die läuft ja jetzt, also im Grunde genommen ist das ja noch nicht unter Dach und Fach, sondern erst muss die Uhr Abstimmung noch ein positives Ergebnis mit sich bringen. Wie ist das? Wie organisiert man diese Uhr Abstimmung? Wie lange wird das dauern und wie sind da im Grunde genommen die Entwicklungen, was die Uhr Abstimmung angeht?
Daniel Friedrich: Auch da sind wir digital geworden. Ich meine, da hat uns Corona geholfen, weil wir auch da ja eine andere ordnungsgemäße Wahl machen müssen. Da haben wir gelernt, wie kann man den auch vor Ort, zum Beispiel, Vorstände oder ähnliches wählen; das konnten wir hier jetzt auch anwenden. Das heißt jedes Mitglied hat einen entsprechenden Zugang bekommen, wo nur er dann auch abstimmen kann oder sie. Das ist jetzt erfolgt von Dienstagmorgen bis Donnerstagabend und wenn dieser Podcast nach Freitag 12 Uhr den ausgestrahlt wird, dann ist dann auch schon verkündet, dass die Urabstimmung ein ganz klares Ergebnis mitgebracht hat, so zu sagen. Wir haben hier mit dem Einstieg und klar, nach vorne raus gibt es eine Achse für die Tarifbindung aber auch die Erwartung, dass es da weitergeht und das wollen wir mit den Kolleginnen und Kollegen dann tun.
Marco Nörenberg: Herzlichen Glückwunsch erstmal dazu. Das ist ein ganz toller Erfolg, für den ich auch wirklich Anerkennung und Glückwünsche dir mal rüberschicken möchte, denn das ist auch eine Auseinandersetzung, die wirklich auch weit über die betroffenen Bereiche hinweg Beobachtung fand und ich glaube, das wird man in Deutschland wahrnehmen, was da passiert ist. Vielleicht noch mal ein Punkt, wo wir gerade bei Deutschland reden. Als wir im Oktober über das Thema Tarifbindung bei Windkraftbauern oder in der Windkraftindustrie gesprochen haben, da war ein Aspekt den wir so ein bisschen gestrichen haben - das Thema Auftragsvergabe durch beispielsweise den Bund oder auch durch Länder, wenn es darum geht, irgendwelche Anlagen zu bauen. Dass ja verschieden die Befürchtung geäußert wird, so nach dem Motto, Tarifbindung vernichtet Arbeitsplätze, weil dann vielleicht bei Ausschreibungen für neuen Windpark oder sowas, die Tarif ungebundene Konkurrenz, die Tarif ungebundene vielleicht auch ausländische Konkurrenz, zum zukommen, weil sie einfach günstiger ist und da war eben auch die Anforderungen, dass auch die Politik so ein bisschen mitspielen muss. Dass sie beispielsweise bei Ausschreibung von neuen Projekten dann eben auch die Tarifbindung zu einer Voraussetzung erhebt. Das wäre ja auch ein Punkt, um Tarifbindung zu stärken. Wie ist da eigentlich dein Blick drauf? Werdet ihr jetzt praktisch durch diesen Tarifvertrag in eine schlechtere Wettbewerbsposition mal geworfen oder gibt es da schon Signale von der Politik oder ist das ein Thema, was bei euch keine Rolle gespielt hat?
Daniel Friedrich: Doch das Spiel immer eine Rolle, weil die Frage ist, wie können wir die Vergaben und die Energiewende insgesamt ja auch dafür nutzen, dass Wertschöpfungsstandort an Arbeitsplätzen vor Ort entsteht. Also ich will jetzt nicht deutsches Geld für deutsche Arbeiter sagen -das ist Quatsch, aber am Ende des Tages ist es schon so, wenn wir sagen, wir wollen auch die Kenntnisse und Fertigkeiten und Energie - wir sehen gerade, dass mit dem ganzen Thema Gas, was da zu machen war, um zu sehen, oh Gott, wir sind da jetzt abhängig von Dritten und können selber gar nicht entscheiden, was und wie wir tun. Das ist jetzt erstmal gut gegangen in den Winter 22/23. Ob das so in 23/24 gelingt, werden wir mal sehen. Und so eine Abhängigkeit wollen wir nicht beim Thema Strom an anderer Stelle auch haben. Deswegen, also wie gesagt, geht auch immer ein Stück weit da drum, die Kenntnisse, Fertigkeiten, das Know-how selber zu halten und das geht eben nur, wenn ich auch noch eine gewissen Teil von Industrie selber sozusagen unterstütze und ich bin da noch nicht - also im Offshore-Bereich ist es das, zum Beispiel, gelungen, aber auf der anderen Seite sind ja gerade die ersten Windparks durch Auktionen rausgegeben worden und ich befürchte, wir machen wieder genau denselben Fehler; wir nehmen dann gerne 12 Milliarden Euro für diese vier Windparks jetzt ein. Wir gucken nicht hin, dass das zum Teil Mineralölkonzerne sind, ob die wirklich ein Interesse haben, offshore zu machen oder, ob die strategisch eher sagen, wir kaufen das weg und ob das Geld, was jetzt für den Windpark ausgegeben wurde, auch am Ende des Tages dafür da ist, die Wertschöpfung - die Standorte - vor Ort aufzubauen, da habe ich doch meine Zweifel. Also von daher müssen solche Ausschreibungskriterien wie regionale Wertschöpfung, wie die guten Arbeitsplätze, aber auch diese Punkte nach dem Motto, okay, es geht uns nicht um den höchsten Preis, sondern es geht uns um den besten Preis und der beste Preis heißt auch, dass ich Qualitätsmerkmale habe auch nicht nur was Arbeits- und Sozialbedingungen angeht, sondern auch, zum Beispiel, ja, die Frage, wo kommt der Stahl her. Also es ist auch schon eine Frage, nehme ich grünen Stahl für unsere Offshore- Industrie oder nehme ich dreckigen Stahl. Solche Sachen müssen aus unserer Sicht damit rein. Da ist Politik vielleicht schon manchmal weiter als der Apparat und da müssen wir weiter bohren, weil klar ist, am Ende des Tages haben wir vielleicht die Energiewende, aber all das, was dazu kommt führt nicht zu Wertschöpfung in Deutschland und dann kriegen auch keine Akzeptanz dafür, wenn die Leute sagen, dass wir grünen Strom kriegen, aber die Arbeitslosigkeit und die Frage von guter Arbeit ist leider nicht so ausgegangen, wie wir uns das gemeinsam wünschen, dann wird’s da auch keine Akzeptanz finden und dann haben wir wieder andere Probleme. Das darf man nicht vergessen.
Marco Nörenberg: Ja, ich glaube tatsächlich, dass diese Auseinandersetzung auch noch nicht am Ende angekommen ist, denn die Frage der Energiewende - die hängt natürlich auch sehr stark damit zusammen. Ist sie eigentlich wirklich durchgängig nachhaltig oder mache ich nur sozusagen im Schaufenster und dahinter findet noch eine ganze Menge statt, was gar nicht so nachhaltig ist. Die Frage auch zur Nachhaltigkeit gehört ja auch soziale Nachhaltigkeit. Sowas muss ja auch Akzeptanz in der Bevölkerung finden und da sieht man ja auch gerade jetzt im Moment, dass sowas durchaus immer am Kippen ist und ich glaube, die Frage von Arbeitsplätzen steht dabei eine ganz wesentliche Rolle. Wenn man also den Eindruck hat, dass diese Energiewende auch nicht nur meinetwegen jetzt in der Automobilindustrie dazu führt, dass vielleicht Arbeitsplätze abgebaut werden, sondern anderer Stelle auch Arbeitsplätze angebaut, dann ist es glaube ich, auch ein anderes Thema, als wenn man sagt, das eine wird im Grunde genommen heruntergefahren und das neue wird dann durch irgendwelche Placebo ersetzt. Das ist, glaube ich, nicht der Sinn der Sache. Und da würde ich auch noch mal gerne auf einen Punkt zurückkommen, den du auch im Oktober angesprochen hattest. Du sagtest, da gibt's wirklich große Schwierigkeiten auch für diese grüne Wände - für das grüne Jobwunder - auch qualifizierte Fachkräfte zu bekommen. Das ist ja auch eine Sache, die mit Arbeits- und Einigungsbedingungen unmittelbar zusammenhängt. Du sagtest, die finden keine Leute, das sind unattraktive Arbeitszeiten; auch das Thema Altersteilzeit hat du angesprochen. Und wenn jetzt hier eure Tarifvereinbarung auch dahin gehend tatsächlich auch Regelung beinhaltet, was ich ja wirklich erstaunlich finde, gleich für den ersten Tarifvertrag auch eine Altersteilzeitvereinbarung mit zu vereinbaren, dann ist das sicherlich auch etwas, was vielleicht sogar den Arbeitgebern weiter hilft - diese Tarifvereinbarung. Wie ist da der Diskussionsverlauf in den Verhandlungen gewesen?
Daniel Friedrich: Ja, Kollegen die die Verhandlungen geführt haben natürlich diese Argumente auch eingebracht und es ist natürlich so, dass die Arbeitgeber schon auch das Thema sehen – Fachkräfte. Was sie gerne nicht wollen, ist, dass ihnen vorgeschrieben wird, was Sie tun müssen. Sie entscheiden beim Thema Tarif - immer bei Arbeitgebern, sie sagen gerne, das mache ich, aber das entscheide ich selber. Ich möchte jetzt nicht irgendwie von Dritten gezwungen werden, dass ich der Altersteilzeit mache, dass ich eine vernünftige Urlaubsregelung haben und deswegen streitest du oft ja gar nicht über die Inhalte, sondern über die Frage von, wie verbindlich was festgelegt und das ist ein Punkt. Der zweite Punkt ist natürlich nur mal um Beispiel zu setzen. Mal von der Onshore, also der Wind an Land, wegzukommen – ich war die Tage jetzt i n Emden. Da sind wir auch gerade in Tarifverhandlungen. Da haben wir eine ganz andere Arbeitssituation. Das heißt die Kollegen fahren ja für zwei Wochen raus, sind auf einem Schiff gegen morgens oder vormittags im Laufe von ganz früher oder manchmal später, 13 Stunden dann auf so eine Mühle raus mit ihren Kollegen und kommen dann wieder auf das Schiff zurück und 14 Tage insgesamt, dann haben Sie 14 Tage frei. Das hört sich jetzt immer alles erstmal – na, verdienst viel Geld – das ist also diese alte Plattform-Dinger so nach hinten, wo dann der Ölarbeiter, der da draußen ist und ganz viel Geld verdient. Aber nur mal ein Beispiel. Ja, du verdienst gut Geld, wenn du im Einsatz bist, aber was ist denn jetzt, wenn du eine längere Zeit krank bist, weil das Grundentgelt ist eben nicht so hoch, dass du sagst, „oh, ist das super. Ich lebe viel davon, dass ich die Zuschläge kriege, dass ich Trennungsgelder habe.“ Wenn ich jetzt aber krank bin, also da habe ich eine ganz andere Debatte auf diese Frage von Durchschnittsberechnung der Arbeitszeit, so. Und vielleicht ist das auch für junge Leute attraktiv, dass man sagt, so mit Mitte/Ende 20, dass wir sagen, ja, zehn Jahre machen wir mal offshore und verdienen da viel Geld. Danach gucke ich dann mal. Aber es ist ja auch so, dass du diesen Job nicht ewig machen kannst. Also entweder musst du viel dafür tun, dass du ihn bis ins hohe Alter machen kannst, oder du brauchst auch Szenarien, was machst du, da ist eine junge Branche ist und weil der der Ausbau jetzt auch stattfindet, wir reden davon, dass da 1000 Arbeitsplätze heute sind – das soll sich verdrei- vervierfachen – wir schon die Fragen bekommen, wie gehen wir jetzt damit um, dass das dann auch sozial läuft. das sind so Sachen und da ist Tarifpolitik natürlich ein Part, wo die Arbeitgeber sehen, okay, Tarif ist dann auch ein Qualitätsmerkmal, dass Leute sagen, ich komme dahin. Und da sind wir gerade unterwegs und brauchen dann ein gutes Miteinander, weil klar, es geht nicht immer alles und der Konflikt am Ende des Tages brauch ein gutes Ergebnis für die Kolleginnen und Kollegen. Marco Nörenberg: Finde ich stark, Daniel. Vielleicht die letzte Frage; wir hatten über das Thema ja nicht nur für Vestas gesprochen, sondern es gibt auch eine ganze Reihe von anderen nichttarifgebundenen Arbeitgebern in dieser Industrie und natürlich stelle ich mir das jetzt schlicht und ergreifend so vor, dass euch die Kolleginnen und Kollegen jetzt der anderen Unternehmen die Hütte einrennen und sagen, wir auch, wir auch. Ist das ein Durchbruch auch in dieser Hinsicht, dass man jetzt, sozusagen, vor lauter Tarifverhandlung in diesen ganzen Unternehmen jetzt gar nicht mehr weiß wo vorne hinten ist als Metaller?
Daniel Friedrich: Ja, es ist schon so, dass wir da in der Branche Bewegung haben. Also enacom ist ja auch ein Unternehmen, das sehr arbeitnehmervertreterfeindlich war. Da gab es ganz schlimme Geschichten. Die Flucht nach vorne angetreten und, bevor die IG Metall kommt, eben die jetzt selber in den nächsten zweieinhalb Jahre hier Entgeltsystem knapp 30 % nach oben angehoben haben, weil sie merken, sie sind da weit weg, auch was Attraktivität angeht für neue und bestehende Arbeitskolleginnen und Kollegen und sie haben auch natürlich gesehen, dass da die IG Metall im Betrieb sich breit macht, immer mehr bei uns Mitglied geworden sind und haben da uns ein bisschen das Wasser versucht abzugraben, wenn er immer noch gute organisiert, weil die Kollegen schon auch sagen, wär besser das im Tarifvertrag zu regeln. Aber du siehst, da ist Bewegung drin. Wir haben bei Offshoreanbietern erste Tarifverträge abgeschlossen. Bei Nordex tut sich was. Also da ist Bewegung drin und das ist das tolle Signal. Die IG Metall tut sich in der Windkraft – macht sich da breit und wird da mehr Tarifverträge abschließen, aber kurzum, es geht immer nur mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen. Meine Aussage im Streik war immer, „Leute, wir sind bereit – ich bin bereit – mit euch den Weg zu gehen, aber ihr müsst ihn gehen. Wenn ihr sagt, wir gehen weiter, dann gehen wir weiter.“ Und das war auch gerade, ich meine, wir reden davon – wir haben am 7 November angefangen zu streiken. Das heißt, überhaupt wie viel gestreikt wird. Das ist die erste Frage. Dann gehst du in die Winterpause – was macht denn Weihnachten? Gehen wir ins neue Jahr wieder so raus? Was ist denn, wenn das erstmal so magische Zahlen wie die 30/60 Tage irgendwie gemacht. Stehen die Kollegen? Das war wirklich etwas, wo du gemerkt hast, Solidarität geht auch digital. Die Menschen haben zusammengestanden und das hat so viel Kraft gegeben, und man hat das jetzt auch in der letzten Versammlung gesehen, wo die Kollegen gesagt haben, jetzt mit allem, wie man zu dem Ergebnis steht und so, hier ist auch eine Gemeinschaft und ihm steht sie auch zu. Man kann auch kritisch diskutieren, aber am Ende des Tages sieht man sich gemeinsam mit dem Ergebnis gestellt. Also Respekt – schon mal wieder ein bisschen Gänsehaut.
Marco Nörenberg: Ja, ich kenne das selber. Jetzt zu kämpfen, wo du einfach nicht weißt, kommen die Leute wirklich, wenn du sie rufst und wenn du als Tiger springst und als Bettvorleger landest ist das ja fast das Schlimmste, was eine Gewerkschaft passieren kann. Also wenn du dann tatsächlich in die Feuer gehst, dann musst du auch Ergebnisse zeigen, sonst kannst du da wirklich ganz massiven Schiffbruch erleiden. Den habt ihr nicht erlitten – herzlichen Glückwunsch noch mal, Daniel, dazu. Ich glaube für die Kolleginnen und Kollegen, nicht nur bei Vestas und nicht nur in der IG Metall Bezirk Küste, kann man sagen, Solidarität bringt das. Kampf bringt auch was und am Ende muss man auch sagen, in diesem Fall Gewerkschaft bringt auch was und von daher, Daniel, sende ich euch und den Kolleginnen und Kollegen, die da jetzt in der Urabstimmung diesen Erfolg auch bestätigt haben, die allerbesten Grüße zu. Ihr habt ja wirklich toll gemacht und ich glaube, das ist auch ein Vorbild für viele andere, die für bessere Arbeits- und Einkommensbedingungen in Deutschland kämpfen. Also toi toi toi auch für die nächsten Tarifbereiche. Daniel, ich soll Danke sagen für das Gespräch.
Daniel Friedrich: Ich sag auch danke. Wir haben auch eine große Welle der Solidarität aus der IG Metall, aus den anderen Gewerkschaften und auch etwas der Politik bekommen. Wir haben auch gesehen, der ihr wirklich nicht nur Energiewende sagt, sondern auch für eine soziale Energiewende steht und das hat auch immer viel Kraft gegeben, dass Kolleginnen und Kollegen gesehen haben, ich bin nicht allein. Auf Versammlung wurden gesammelt, es wurden Fotos gemacht –Solidaritätserklärung. Es haben sich ganz viele Leute auch aus der ganzen Republik – da hilft digital natürlich auch – sich in die Versammlung eingeschaltet und gesagt, pass mal auf, klasse was ihr da macht. Die Betriebsratsvorsitzende von VW war da drin. Da hilft nicht digital, weil ansonsten hätte ich gar keine Möglichkeit gehabt, damals vorbei zu kommen. Also da muss man noch mal sagen, Solidarität geht wirklich über die Betriebsgrenze hinaus und wer das einmal erlebt hat in so einer Auseinandersetzung, dass er nicht allein ist, der kann immer nur sagen, was sind wir für ein geiler Laden, wenn Arbeitnehmervertreterinnen und Arbeitnehmervertreter zusammenhalten. Dann ist eigentlich fast alles möglich und vielen Dank, dass wir hier sprechen durften.
Marco Nörenberg: Ja, wunderbar. Ich habe gerade letzte Woche noch ein Gespräch mit einem Kollegen von der EVG gehabt. Die sind jetzt in der Situation, dass sie auch vor Auseinandersetzungen sind und er sagte auch Solidaritätsadressen helfen. Ich glaube, es unterschätzt man manchmal, wenn man nicht in dieser Situation ist. Weißt du, man kämpft, man ist unsicher – kann ja auch scheitern. Kann auch irgendwie in die Sackgasse führen und man weiß nicht, wird das ein Erfolg und man braucht so viel Kraft, um so etwas durchzustehen und wenn dann andere bei einem stehen und sagen, „hey, ich bin auf deiner Seite; halt durch und kämpft weiter.“ Dann ist das etwas, was wirklich, wirklich hilft und von daher, Daniel, den Dank, den du jetzt an die Unterstützer gegeben hast. Den kann ich im Grunde als Appell noch mal wiederholen, für all die anderen, die jetzt momentan am Kämpfen sind und ihr werdet diese Solidarität auch in künftigen Verhandlungen auch weiter brauchen. Von daher wir als Arbeitnehmerkräfte müssen zusammenhalten – das tun wir auch und dann können wir Deutschland Stück für Stück besser machen. Vielen Dank, lieber Daniel. Alles Gute dir und den Kolleginnen und Kollegen von IG Metall Küste.
Daniel Friedrich: Bis dann!



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